Eine Botschaft an die Welt: “Die heilige Scheiße“

Die Serie “Eine Botschaft an die Welt“ befasst sich mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten, die mit ihrem bewussten Handeln der Welt zeigen, wie es wirklich geht.

Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) war nicht nur ein weltbekannter Maler und Architekt, sondern auch ein begnadeter Umweltschützer und Revolutionär. 

Seine Bauten und Malereien zeigen seinen Drang zur Individualität und stellen einen künstlerischen Gegenpol zur Standardisierung dar.

Ende der siebziger Jahre hielt er folgende Rede. Worte, die heute aktueller sind denn je:

HUNDERTWASSER SPRICHT ZUR WELT

Ich möchte über die Hauptursache des Zerfalls unserer Zivilisation sprechen. Die Vegetation hat Jahrmillionen gebraucht, um die Schleimnis, die Giftstoffe, zuzudecken mit einer Humusschicht, einer Vegetationsschicht, einer Sauerstoffschicht, damit der Mensch auf Erden leben kann. Und dieser undankbare Mensch holt eben diese mit langwieriger kosmischer Mühe zugedeckte Schleimnis und eben diese Giftstoffe wieder an die Oberfläche. So wird durch die Untat des verantwortungslosen Menschen das Ende der Welt zum Anfang aller Zeiten. Wir begehen Selbstmord.

Unsere Städte sind Krebsgeschwüre. Von oben sieht man das genau. Wir essen nicht das, was bei uns wächst, wir holen Essen von weit her, aus Afrika, Amerika, China und Neuseeland. Die Scheiße behalten wir nicht. Unser Unrat, unser Abfall wird weit weggeschwemmt. Wir vergiften damit Flüsse, Seen und Meere, oder wir transportieren sie in hochkomplizierte teure Kläranlagen, selten in zentralisierte Kompostfabriken, oder aber unser Abfall wird vernichtet. Die Scheiße kommt nie auf unsere Felder zurück, auch nie dorthin, wo das Essen herkommt. Der Kreislauf vom Essen zur Scheiße funktioniert. Der Kreislauf von der Scheiße zum Essen ist unterbrochen.

Wir machen uns einen falschen Begriff über unseren Abfall. Jedes mal wenn wir die Wasserspülung betätigen, im Glauben, eine hygienische Handlung zu vollziehen, verstoßen wir gegen kosmische Gesetze, denn in Wahrheit ist es eine gottlose Tat, eine frevelhafte Geste des Todes. Wenn wir auf die Toilette gehen, von innen zusperren und unsere Scheiße wegspülen, ziehen wir einen Schlußstrich. Warum schämen wir uns? Wovor haben wir Angst? Was mit unserer Scheiße nachher geschieht, verdrängen wir, wie den Tod. Das Klosettloch erscheint uns wie das Tor in den Tod, nur rasch weg davon, nur schnell vergessen, die Fäulnis und Verwesung. Dabei ist es gerade umgekehrt. Mit der Scheiße beginnt erst das Leben. Die Scheiße ist viel wichtiger als das Essen. Das Essen erhält nur eine Menschheit, die sich massenweise vermehrt, an Qualität sich vermindert und eine Todesgefahr für die Erde geworden ist, eine Todesgefahr für die Vegetation, die Tierwelt, das Wasser, die Luft, die Humusschicht.

Scheiße aber ist der Baustein unserer Wiederauferstehung. Seit der Mensch denken kann, versucht er, unsterblich zu sein. Der Mensch will eine Seele haben. Die Scheiße ist unsere Seele. Durch die Scheiße können wir überleben. Durch die Scheiße werden wir unsterblich. Warum haben wir Angst vor dem Tod? Wer eine Humustoilette benützt, hat keine Angst vor dem Tod, denn unsere Scheiße macht unsere Wiedergeburt möglich. Wenn wir unsere Scheiße nicht schätzen und in Humus umwandeln zu Ehren Gottes und der Welt, verlieren wir unsere Berechtigung, auf der Erde anwesend sein zu dürfen. Im Namen falscher Hygienegesetze verlieren wir unsere kosmische Substanz, verlieren wir unsere Wiedergeburt…“

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Hundertwasser beim Bau einer Humustoilette (Komposttoilette). Er erstellte Baupläne und benutzte Humustoiletten in allen seiner Wohnstätten.

„…Als Pasolini in einem Film Schauspieler Scheiße essen ließ, war das ein Symbol des Kreislaufschließens, ein verzweifeltes Beschleunigen-Wollen. Die selbe Liebe, die selbe Zeit und Sorgfalt muss aufgewendet werden für das, was ‚hinten‘ herauskommt, wie für das, was ‚vorne‘ hineinkommt. Die selbe Zeremonie wie beim Speisen, mit Tischdecken, Messer, Gabel, Löffel, chinesische Essstäbchen, Silberbesteck und Kerzenlicht. Wir haben Tischgebete vor und nach dem Essen. Beim Scheißen betet niemand. Wir danken Gott für unser tägliches Brot, das aus der Erde kommt, wir beten aber nicht, auf dass sich unsere Scheiße wieder in Erde umwandle. Abfälle sind schön. Das Sortieren und Wiedereingliedern der Abfälle ist eine frohe Tätigkeit. Diese Tätigkeit spielt sich nicht in Kellern und Hinterhöfen, auf Miststätten, Toiletten und Aborten ab, sondern dort, wo wir leben, wo Licht und Sonne ist, im Wohnzimmer, in unserem Prunkraum. Es gibt keine Abfälle. Abfälle existieren nicht…“

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Bauplan und Anleitung einer Hundertwasser-Humustoilette

„…Die Humustoilette ist ein Statussymbol. Wir haben das Privileg, Zeuge zu sein, wie sich mit Hilfe unserer Weisheit unser eigener Abfall, unsere eigene Scheiße in Humus umwandelt, so wie der Baum wächst und die Ernte reift. Bei uns zu Hause, als wärs unser eigenes Kind. Homo – Humus – Humanitas, drei Schicksalswörter gleichen Ursprungs. Humus ist das wahre schwarze Gold. Humus hat einen guten Geruch. Humusduft ist heiliger und Gott näher, als der Geruch von Weihrauch. Wer nach dem Regen im Wald spazieren geht, kennt diesen Geruch. Natürlich ist es etwas Ungeheuerliches, wenn der Abfallkübel in den Mittelpunkt unserer Wohnung kommt und die Humustoilette auf den schönsten Platz zum Ehrensitz wird. Das ist jedoch genau die Kehrwendung, die unsere Gesellschaft, unsere Zivilisation jetzt nehmen muss, wenn sie überleben will. Der Humusgeruch ist der Geruch Gottes, der Geruch der Wiederauferstehung, der Geruch der Unsterblichkeit.“

(Friedensreich Hundertwasser)

HEILIGE SCHEISSE (HUNDERTWASSER) von Johannes Wachsmuth

Quellen & Inspiration:
http://www.hundertwasser.ch / Pierre Restany – Die Macht der Kunst: Hundertwasser, der Maler-König mit den fünf Häuten

 

 

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