Unser Weg zur Selbstversorgung: Aller Anfang ist schwer

Unser großer Schritt in ein Leben als Selbstversorger ist von einer inneren Notwendigkeit getrieben und zugleich unsere persönliche Rückkehr zur Natur!

MIT EUPHORIE VON BERLIN NACH APULIEN

Im Sommer 2015 suchten wir nach einem geeigneten Garten für unsere Pläne als Selbstversorger. Es war nicht leicht etwas passendes in Berlin oder in Brandenburg zu finden. Zu dieser Zeit suchten wir im Internet auch nach einem geeigneten Fotografen, der uns bei Fotoaufnahmen für unsere Hanf-Mode behilflich sein könnte. Schicksalshaft kamen wir auf die Homepage eines Fotografen aus Berlin, der sein Glück in der süditalienischen Provinz fand. Begeistert von seinen Erzählungen und den charmanten Fotos, recherchierten wir über diese Region. In den nächsten Wochen waren wir wie verzaubert von dieser Gegend, obwohl wir noch nie dort waren. Also beschlossen wir im Herbst 2015 eine Reise dort hin.

Als wir dort ankamen wurden wir tatsächlich verzaubert! Uns wurde bewusst, dass man es dort etwas einfacher als Selbstversorger haben könnte, als in Mitteleuropa, wo die Bürokratie größere Hürden offenbart.

Wir organisierten Besichtigungen von verschiedenen Grundstücken, Olivenhainen und Gärten, die zum Verkauf standen. Uns gefielen alle, aber in einen der Olivenhaine verliebten wir uns. Wir hatten endlich unseren ersten Garten gefunden!

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Bei der Besichtigung: Tania schlendert durch einen Olivenhain

Wir wollten nicht mehr viel Zeit verstreichen lassen und organisierten einen Termin mit dem Notar, um das Stück Land zu kaufen. Nachdem wir abreisten spürten wir, dass etwas von uns dort blieb und auf unsere Rückkehr wartete.

Im Februar 2016 reisten wir also ein zweites Mal dort hin und unterschrieben endlich den Kaufvertrag. Schon im darauf folgenden Herbst verließen wir Deutschland, um unseren ersten Garten anzulegen und um zu erfahren, ob wir dort dauerhaft leben können.

MEISTER DER THEORIE

Geistig besuchten wir unsere neue Heimat in der Zwischenzeit bereits öfters und planten unseren neuen Garten. Wir hatten schließlich lange genug Zeit, um die perfekte Fruchtfolge, die Komposttoilette oder den Hühnerstall zu skizzieren und italienisch zu lernen.

Nach einer gewissen Zeit konnten wir unsere ersten praktischen Erfahrungen kaum noch erwarten. Die theoretische Vorbereitung ist zwar die eine Seite, doch die Praxis offenbart das neue Leben!

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Zeichnung eines Kompostklos (Humustoilette) von Johannes.

Zu dieser Zeit war es manchmal äußerst schwer mental in der Gegenwart zu leben. Trotzdem genossen wir unsere Zeit vor der Veränderung. Mit unserer Hanf-Mode besuchten wir viele berliner Märkte und Festivals, womit wir uns das nötige Kleingeld für den Umzug verdienten.

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Tania näht viel, damit wir unsere Träume verwirklichen können.

Natürlich studierten wir regelrecht verschiedene Selbstversorger-Lektüren. Trotzdem war es kein radikaler Schnitt für uns, da wir zum einen bereits vieles selber machten und zum anderen unsere Selbstversorgung Schritt für Schritt aufbauen.

Die Selbstversorgung beginnt nämlich zuerst im Kopf. Wenn dieser Schritt einmal gemeistert ist, fällt alles andere viel leichter…

ZWISCHEN EUPHORIE UND ERNÜCHTERUNG

Aller Anfang ist schwer! Ganz besonders wenn man in ein fremdes Land umzieht und die neue Sprache noch nicht beherrscht. Das geringe ökologische Bewusstsein der Süditaliener, die ihren Müll einfach mal an den Straßenrändern beseitigen und viel Gift gegen „Unkraut“ spritzen, ließ nicht gerade eine ländliche Idylle entzaubern. Hier scheint man den Kapitalismus und deren fatale Auswirkungen auf die Natur noch nicht zu hinterfragen, wie es mittlerweile häufiger in Deutschland passiert.

Doch davon ließen wir uns zuerst nicht entmutigen und schmiedeten gleich zu Beginn einige Pläne, wie wir unseren neuen Gartennachbarn eine ökologische Alternative nahe bringen können. Doch dafür müssen Resultate, in Form eines natürlichen Gemüsegartens, der nicht weniger produktiv ist vorgestellt werden.

Das Anlegen unseres Gartens war eine pure Freude für uns. Tag für Tag erschufen wir ein weiteres Stück Harmonie und erlebten wunderbare Dinge, die wir als Städter so nicht erfahren konnten. Jeder Tag in der Natur fühlt sich anders an und hält neue Aufgaben bereit. Auch die ersten kleinen Ernten konnten wir einfahren. Ein Hühnerhaus haben wir früh gebaut, was leider leer blieb, da es sich in dieser Region leider für unmöglich erwies, freilaufende Hühner zu bekommen.

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Die erste Bearbeitung des tollen Bodens. Der Mulch sorgt dafür, dass er feucht und krümelig bleibt.

Die Schönheit dieses Landes darf nicht überschattet werden von einer kranken Kultur. Kann man die Menschen aufwecken, um sie wieder für ihre Umwelt begeistern zu können oder kann man nur etwas erreichen, wenn man einen Gegenpol, in Form einer Gemeinschaft aufbaut? Technik und Autos sind nun die erstrebenswerten Dinge, weshalb die Umwelt ignoriert und schlecht behandelt wird.

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Am Hafen unserer Nachbargemeinde kann man seine Seele baumeln lassen, denn hier sind die Küsten nicht mit Mega-Hotels bebaut.

Dieses wunderschöne Land bildet einen riesigen Kontrast zu den Menschen, die diesem sehr entfremdet gegenüber stehen. Olivenbäume werden total zerschnitten, weil man davon ausgeht, die Natur beherrschen und formen zu müssen.

Doch dahinter stecken lediglich wirtschaftliche Vorteile: wenn ein sehr starker Baumschnitt vorgenommen wird, treibt der Baum viele „Angsttriebe“ aus, da er sich nun im sterben befindet und produziert folgerichtig auch viele Früchte, um das Überleben der nächsten Generation zu sichern. Doch, dass diese Oliven nicht die gleichen Lebenskräfte haben, wie welche die von einem gesunden Baum stammen, ist niemandem bewusst und vor allem völlig egal, solange man die „Wahre“ verkaufen kann. In dieser Welt geht es nur um die Quantität, nicht um die Qualität. Wenn ein Mensch älter wird, wird er auch langsamer und weniger produktiv, doch er erhält auch mehr Weißheit und menschliche Qualität. So ist es in der Natur mit allen Wesen, auch mit den Olivenbäumen!

Zwischen den Olivenbäumen lassen die „Bauern“ keine Pflanzen mehr wachsen und spritzen Gift um sie auszurotten, da man (ganz nach Darwin) davon ausgeht, dass jeder kleine Grashalm ein Konkurrent zum Olivenbaum darstellt, oder „Ungeziefer“ anzieht. Die Bauern laufen in Schutzanzügen über ihre Haine und spritzen alles tot, was grün ist. Auch das ist eine Verstrickung im Teufelskreis, denn da es keine unterschiedlichen Pflanzenarten mehr gibt und die heimische Flora verdrängt wird, wird auch der Lebensraum der heimischen Insekten und Tiere reduziert. In Folge dessen treten einzelne „Schädlinge“ in großer Anzahl auf, da sie keine natürlichen Fressfeinde mehr haben. Das Ergebnis: es werden wieder neue Chemikalien benutzt, um auch diese zu töten. Und da nichts mehr wachsen darf, bildet sich auch kein Wurzelwerk aus, welches Sauerstoff in den Boden bringt, damit die Mikroorganismen leben können, um Humus aufzubauen. Die Folge davon ist sehr schnell zu erkennen, denn die Olivenhaine und „Gärten“ werden zu Wüsten und nicht zu fruchtbarem Land. Dazu trägt auch bei, dass man das Schnittgut der Bäume einfach vebrennt, oder die heruntergefallenen Blätter aufkehrt, die somit den Boden nicht bedecken und schützen, sowie nicht als Nahrung für die Würmer und andere Bodenlebewesen dienen können, die diese Pflanzenreste schließlich auch zu fruchtbaren Humus machen würden.

Mit einem Schild „Zona Avvelenata“ wird für die Schäfer, die ihre Tiere auf den offenen Hainen graßen lassen, aufmerksam gemacht, dass dort gerade mit Gift gespritzt wurde. Doch da fast überall die Giftkeule eingesetzt wird, werden auch sie verdrängt, was fatale Folgen hat, denn Ziegen und Schafe sind seit Urzeiten ein wichtiges Organ der mediterranen Ökologie.

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Eine vergewaltigte Natur: der Mensch verwüstet sie um sie auszubeuten. Leider können die Olivenbäume, die solchen Schnitten zum Opfer gefallen sind, nicht mehr so uralt werden wie ihre Vorfahren.

Wir bewohnten ein Miethaus am Rande einer Kleinstadt, in der nähe unseres Gartens. Als die Luftfeuchtigkeit im Winter zunahm, bildeten sich Unmengen Schimmel, da der vorherige Schimmel an Decken und Wänden immer nur überstrichen wurde, sobald es draußen wärmer wurde. Bei so einem Vorgehen will man das Problem beseitigen, indem man es aus dem Blickfeld entfernt.

DER WEG GEHT WEITER: VON APULIEN NACH BAYERN

Es offenbarte sich eine sehr große Differenz zwischen uns und unseren Mitmenschen. Da wissen was wir wollen und auf der Suche nach unserem Glück sind, haben wir uns dann dafür entschieden unseren Weg zur Selbstversorgung woanders fortzusetzen. Diese Erfahrung in Süditalien war sehr wichtig für uns und keine Arbeit war umsonst, denn wir haben ein tolles Land erhalten, wo wir jedes Jahr unsere Oliven ernten und pressen können. Das Anlegen von mediterranen Blumenstauden ermöglicht nun für nützliche Insekten unser Land aufzusuchen, um vor den geschwächten Flächen der Nachbarn fliehen zu können. Wir bieten einen Lebensraum durch Totholz und der Mulch schützt den Boden im heißen Sommer, damit Humus entsteht und nicht abgebaut wird. Ob wir in Zukunft auch einen Trinkwasserbrunnen bohren lassen, bleibt weiter offen, denn die Europäische Union drängt Italien dazu die Trinkwasserversorgung komplett zu privatisieren, wie es bereits überall in Europa der Fall ist. Gerade deshalb wäre es für uns ein besonderes Privileg der Unabhängigkeit einen Brunnen zu haben.

Wir packten also wieder unsere sieben Sachen zusammen, um in Richtung Heimat, nach Bayern zu reisen. Dort wartete unsere Zwischenstation: ein großes Haus (Familienbesitz) mit großem Garten und Gewächshaus, was Johannes selber einst baute. Im Rhythmus mit dem Jahr und mit genug Saatgut im Gepäck, ließen wir keine Zeit verstreichen und konnten gleich mit den Aussaaten für die folgende Sommersaison beginnen, denn passend zum Frühjahrsbeginn waren wir eingetroffen. Wieder Familie und enge Freunde um sich herum zu haben tat sehr gut und bestätigte unsere Entscheidung Italien zu verlassen!

Der Weg zur Selbstversorgung geht weiter: wir planen das Leben in einer Jurte und möchten Erfahrungen in einem Jurtendorf oder einer Ökogemeinde sammeln, nachdem wir ein ganzes Gartenjahr in Bayern, wieder in der Nähe unserer Familie und Freunde  verbracht haben…

Unseren Werdegang auf dem Weg zur Selbstversorgung wollen wir Euch in einer Kurzfilm-Serie „Silent Revolution“ präsentieren. Ab und zu werden wir eine neue Folge veröffentlichen und Euch damit auf dem laufenden halten. Das machen wir, um andere Menschen zu motivieren ihr eigenes Leben zu verändern. Denn oft ist nur der erste Schritt schwer. Doch wenn man an seine Träume glaubt und sie sich immer wieder vorstellt, dann werden sie auch wahr. Denn wir selber sind verantwortlich dafür! Jeder kann die Welt verändern, wenn er seine eigene Welt verändert! In diesem Sinne: glaubt an Eure Träume!

von Tania & Johannes Wachsmuth